Donnerstag, 3. Januar 2013

Das Jahr in dem ich schlief

An: Jeden der noch Vorsätze für das neue Jahr sucht. Oder die Geschichte eines anderen hören möchte..
 

Und wieder ging ein Jahr zu ende. Und ein neues beginnt. So unglaublich viel ist passiert. Soviel, dass es eine Ewigkeit dauern würde alles aufzuschreiben. Und für manche dauert es genauso lange Geschehenes zu verarbeiten. Es war ein besonderes Jahr, voller Abwechslung. Voller Freude und Lachen, aber auch mit Schmerzen und Tränen. Und trotzdem, wenn ich so zurück schaue kommt es mir so vor als hätte ich das meiste verpasst. Als wäre es einfach an mir vorbei gezogen. Es ist als hätte ich geschlafen. Aber ich hatte einen Traum. Ich habe geträumt was passiert ist, aber es kam nicht richtig an mich heran. Ich habe die Geschichte eines Jungen geträumt, der das Jahr gesehen hat und nun versucht herauszufinden, was er ändern könnte. Es war die Geschichte eines Jungen an dem das Jahr wie im Traum vorbeigezogen ist. Und der trotzdem noch einen Traum hatte. Und ich möchte diese Geschichte erzählen:

„Hey, was ist letztes Jahr so passiert?“, Was soll man darauf antworten? Es ist viel passiert. Und das weiß auch der Junge, der irgendwo da draußen steht. In mitten einer Menschenmenge steht er. Doch die bleibt nicht gleich. Es ist kalt draußen und Menschen, in dicke Wintermäntel gehüllt, eilen von einem Punkt zum andern. In der Hoffnung dass irgendwann Feierabend ist und sie nach Hause ins Warme können. Doch der Junge steht einfach nur da. Er genießt es da draußen. Die Kälte und das Gefühl da zu sein. Es passiert so viel. Doch er genießt es einfach nur da zu sein. Bald schon bemerkt er die Leute um sich herum gar nicht mehr. Und Schritt für Schritt mach er sich auf den Weg. Auf den Weg durch das Jahr.
Er kommt an Menschen vorbei. Er schaut in lachende Gesichter, fröhlicher Menschen, die das Leben genießen. Und in die Gesichter trauriger Menschen. Tränen in ihren Augen zeigen dass sie verletzt wurden und sie fragen wie es weiter gehen soll. Und von jedem weiß er wie es sich anfühlt. Denn auch ihm ist das schon passiert. Er weiß wie es sich anfühlt nicht mehr zu wissen wo man hingehört. Man beginnt Trost zu suchen, in allem was man tut. Und wenn man nichts findet, hält man andere Sachen als Trost fest. Man belügt sich selbst. Das ist das erste was passiert war. Er hat angefangen sich selbst zu belügen. Und das ist auch das Erste, das er dieses Jahr ändern wird. Er wird anfangen ehrlich zu sich selbst zu sein.
Und er geht weiter. Mit seinem Herz in der Hand. „Ist das überhaupt noch meins?“, fragt er sich als er den unförmigen dunklen Klumpen anschaut. „was ist aus meinem Herz geworden?“ Zu vielen Leuten hat er einen Platz darin gegeben. Jetzt will er Platz schaffen. Platz für Menschen, die diesen Platz brauchen und verdienen. Das ist das Zweite das passiert war. Er hat Vertrauen geschenkt, wo es fehl am Platz war, wo es nicht hingehört hat. Dieses Jahr wird er das ändern. Er wird nur noch vertrauen, wo ihm vertraut wird. Und er wird sich genau überlegen wer einen Platzt in seinem Herzen bekommt.
Lächelnd geht er weiter. Mit den Erinnerungen an die schönen Momente des Jahres. Die Zeit die er mit seinen Freunden verbringen konnte. Das gemeinsame Lachen und herumalbern. Sie hatten Spaß wie kleine Kinder und nichts konnte ihnen den Spaß nehmen. Das ist das Dritte, das er sich für dieses Jahr vornimmt. Er möchte diese Momente mehr schätzen. Denn sie sind es, die das Leben lebenswert machen. Mit der Familie und den Freunden Spaß haben und leben.
Und trotzdem vergisst er nicht, dass das Jahr noch eine andere Seite hatte. Eine Seite der Verachtung. Ja, der Junge wurde verachtet, dafür wer er war. Dafür, dass er war wie er war. Still und nachdenklich. Anders als andere. Und das hatte ihm zu schaffen gemacht. Er hatte sich in seiner eigenen Welt verkrochen. Und das einzige, das er gemerkt hatte, war das er trotz all dem schlimmen Fernweh von der Welt da draußen gar nichts gemerkt hat. Und so kam es, dass er begann sich zu verbiegen und zu verstellen. Nur um akzeptiert zu werden verdrängte er sein richtiges Ich. Doch das hat ihn nur noch mehr zu dem gemacht, der er vorher war.  Er sagte sich immer: „Jeder kleine Schritt tut schrecklich weh, wenn man bemerkt dass alle anderen in die umgekehrte Richtung gehen.“ Aber er hat sich erinnert das mal ein Mädchen zu ihm gesagt hat: „Es gibt immer jemanden der mit dir geht.“ Heute ist sie seine beste Freundin. Und er weiß, das wird sie noch sehr lange bleiben. Denn sie mochte ihn wie er war. Das sind das Vierte und das Fünfte auf das er dieses Jahr achten wird. Er wird seinen eigenen Weg gehen und sich nicht mehr verbiegen. Und er möchte ihn mit denen gehen, denen er etwas bedeutet.
Jetzt erinnert er sich an die Leute, denen er begegnet ist. An die, die sich aufgedrängt haben und an die, die nur schemenhaft an ihm vorbeigezogen sind. Dieses Menschen möchte er mehr Beachtung schenken. Das ist das Sechste. Er möchte anderen Menschen helfen. Er möchte für sie da sein und ihre Geschichten hören. Und er möchte ihnen seine erzählen und ihnen dadurch Kraft geben. Vielleicht kann er so auch wieder zu sich finden. Das ist das Siebte: Er möchte sich selbst wiederfinden.
Er war weiter gegangen, bis zu einem Punkt, der ihm bekannt vorkam. Eine Grenze hinter der die alte Welt endete. Noch einmal schaute er zurück, sah dass sich nichts geändert hatte und ging weiter. Weiter in ein neues Jahr. In eine neue Welt. Es wartet so viel auf ihn, da ist er sich sicher. Es gibt so viel zu entdecken. Aber dazu musste er aufwachen. Und das ist das Letzte, was er hier aufschrieb. Er möchte jeden einzelnen da draußen bitten auch etwas zu tun. Denn allein kann er nicht aufwachen. Er braucht jemanden, der ihn aufweckt. Deshalb bittet er euch nicht einfach nur seine Geschichte zu lesen. Denn es gibt so viel, das ich hier nicht aufschreibe. Aber er bittet euch trotzdem dass ihr euch diese Wörter zu Herzen nehmt und euch etwas vornehmt. So wie er. Denn allein kann er nicht aufwachen. Er muss geweckt werden, genauso wie viele andere auch. Er will mit wachen Augen das neue Jahr und das Leben genießen und nicht als Schlafwandler hindurch wandeln. Helft euch selbst, anderen und ihm endlich die Augen aufzuschlagen..

Freitag, 21. Dezember 2012

Der Tag an dem die Welt unterging

An: alle denen die Welt am Herzen liegt.
Brennende Hitze. Die Sonne kommt immer näher. Pflanzen vertrocknen, fangen Feuer und zerfallen zu Asche. Dann der Regen. Er überflutet alles, was ihm in den Weg kommt. Und der Wind. Bäume werden entwurzelt, durch die Luft gewirbelt. Alles verfliegt und kommt nicht mehr zurück. Leben endet, stirbt aus. Ist das das Ende der Welt? Kann man es sich so vorstellen? Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Denn vielleicht geht die Welt ja gar nicht unter. Und wenn doch, dann denke ich wird es anders ablaufen. Ich denke wir selbst werden dafür verantwortlich sein. Wir werden durch unser Handeln die Welt zerstören. Nicht jeder von uns, aber es sind immer noch genug Menschen da draußen, die nicht nachdenken. Da sollte man sich fragen, ist es zu viel verlangt? Einfach mal auf sich selbst achten. Darauf schauen wie man handelt, wie man sich in der Gegenwart anderer verhält. Und was man eigentlich vorhat zu tun. Alles was wir tun hat Auswirkungen auf die Welt um einen herum. Und wenn wir so weiter machen wie bisher, dann wird irgendwann etwas kaputt gehen. Etwas das die Welt braucht.

Man hört das immer Wieder. Tut dies, Tut das. Vielleicht ist es besser wenn ihr mal… 

Aber was hilft es, wenn man nur davon spricht etwas besser zu machen, etwas zu ändern? Man muss das, was man verspricht und sich vornimmt auch in die Tat umsetzten. Man kann nicht verlangen, dass jeder sofort etwas ändert. Jeder muss zuerst auf sich selbst achten. Vielleicht mal eine Kleinigkeit ändern, eine Alltäglichkeit einfach mal zurückstellen und zu etwas besonderem lassen werden.  Und vielleicht spürt man dann schon eine Veränderung. Nicht sofort, aber nach einer gewissen Zeit. Man muss den Dingen Zeit geben. Von einer Blume kann man auch nicht erwarten, dass sie innerhalb eines Moments aus dem Samen springt und zu blühen beginnt. Aber es ist wichtig dass diese Blume blühen kann, denn wer will schon in einer kargen, Farblosen Welt leben? Mit der Welt ist es wie mit der Blume. Man muss ihr Zeit geben sich zu entwickeln und sich zu verändern. Man muss etwas dafür tun dass sie nicht verwelkt. Und wenn man etwas dafür getan hat und man erkennt eine Wirkung, dann werden auch andere anfangen etwas zu tun, weil sie sehen, dass die Mühen nicht umsonst sind. Jede Kleinigkeit kann etwas zum Guten wenden, oder auch zum Schlechten, wenn man versucht sie zu verhindern. Deshalb muss man diese Veränderungen akzeptieren. Oder einfach dankbar dafür sein, dass die Mühen nicht umsonst waren. So kann man dafür sorgen, dass die eigene Welt nicht untergeht. Und wenn man ein bisschen Verantwortung übernimmt, für das, das man getan hat, tut oder tun wird, und sich genau überlegt ob man so weitermachen will oder nicht, dann trägt man auch etwas zum Erhalt unserer Welt bei. Deshalb die Bitte an jeden da draußen: Tut etwas, etwas das euch hilft und der Welt da draußen. Denn wer möchte schon in einer Welt leben, die heute nicht untergeht, aber morgen untergehen könnte? Wer will in der Angst leben, dass die Welt untergeht und man schuld daran ist? Ich habe keine Angst vor dem Weltuntergang, weder heute noch morgen. Ich habe Angst davor, dass es mit unserer Welt weiter geht wie bisher und sich nichts ändert…

Mittwoch, 19. Dezember 2012

Vom Davonlaufen



Er schlug die Augen auf. Der Nachttisch wackelte. Ein Glas fiel aus dem Regal. Der Zug war durchgefahren. Zu spät?
Langsam erhob sich der Mann und trat auf das Fenster zu. Draußen ging gerade die Sonne auf und die ersten Menschen eilten über die Straßen. Noch nicht.
Metall auf Metall. Ein ohrenbetäubendes Quietschen. Ein weiterer Zug hielt. Die Türen öffneten sich und ließen Ströme von Menschen hinaus ins Alltagsleben. Der Alltag. Nie war ihm etwas so weit entfernt vorgekommen. Ruhe. Und er stand da. Wartete auf den richtigen Moment. Und hatte Angst. Angst den Moment zu verpassen. Und Angst entdeckt zu werden. Etwas regte sich auf dem Bett. Sie war wach geworden. Gut, dachte er. Dann lief er in die Küche, holte ein Glas Wasser und reichte es ihr. Ohne zu zögern griff sie danach, und trank. Verständlich, denn die Flucht war anstrengend gewesen. Die ganze Nacht lang hatte man sie verfolgt, bis sie schließlich in einer Menschenmenge entkommen konnten. Jetzt waren sie hier. Hofften, nicht entdeckt zu werden. Und beteten, rechtzeitig hier weg zu kommen.
Dann klopfte es an der Tür. Verdammt. Ohne nachzudenken, hetzte er zur Tür und schob einen Stuhl unter die Türklinke. Lass es halten. Dann begann er ihre wenigen Sachen zusammen zu suchen. Sie waren zu früh. Damit hatte er nicht gerechnet. Schnell öffnete er das Fenster, half ihr auf und zog sie hinaus. Schritt für Schritt liefen sie über das Dach. Ruhig bleiben. Vorsichtig, einen Fuß vor den anderen setzend machten sie sich auf Richtung Bahnhof. Er nahm die Tasche, warf sie über die Dachkante nach unten und sprang.
„Komm, spring“, rief er nach oben. Bitte. Dann schwang sie sich leichtfüßig von der Dachkante, als ob die Erschöpfung verschwunden war. Dann liefen sie weiter. Schneller. Und gerade als der Zug in den Bahnhof einfuhr, tauchten einige Gestalten in der Menschenmenge  auf. Schnell, ohne Rücksicht auf die anderen kämpften er und sie sich durch zu den Türen. Flehten sie innerlich an, dass sie schneller aufgingen. Dann stiegen sie ein. Atmeten auf. Ohne zu wissen, dass sie noch nicht entkommen waren..

Dienstag, 4. Dezember 2012

Vom Erinnern und vom Warten



Der Regen prasselte gegen das Fenster. Langsam flossen die einzelnen Tropfen herunter. Wir ihre Gedanken. Wie lange saß sie schon hier? Eine Stunde, vielleicht auch etwas länger. Der Regen erinnerte sie an den einen Moment. Er war kurz gewesen, nur für die Dauer eines Herzschlags spürbar und dann auch schon wieder weg. Drei Worte waren es gewesen. Sie konnte sich genau erinnern. „Warte auf mich“. Und jetzt wartete sie hier. Auf jemanden, dessen Namen sie nicht kannte. Nicht einmal sein Gesicht hatte sie gesehen. Sie waren sich nur kurz begegnet. Unten, vor dem Eingang, als sie Schutz suchte, vor dem Regen. Wenn sie aus dem Fenster blickte konnte sie die schwache Beleuchtung sehen.  Völlig durchnässte hatte sie unten gestanden, als die Silhouette eines Mannes auf sie zu kam, wie ein Schatten im Schleier des Regens. Er trat auf sie zu, an ihr vorbei. Und trotzdem spürte sie ein Gefühl der Vertrautheit. Sein Geruch, der sich mit dem des nassen Asphalts mischte, kam ihr bekannt vor. Genauso wie das rasselnde Geräusch seines Atems. Hastig und ungleichmäßig, wie nach großer Anstrengung. Doch als sie das in sich aufgenommen hatte, war er schon wieder verschwunden. Geblieben war nur der kleine Zettel, zwei Mal gefaltet. Und die drei Wörter, in ordentlicher Handschrift geschrieben. „Warte auf mich.“

Jetzt saß sie da. Wartete, ohne genau zu wissen, was auf sie zu kommen sollte. Nicht einmal ob sie am richtigen Ort war, wusste sie.  Doch es fühlte sich richtig an. Der Platz am Fenster. Hier war sie schon einmal gewesen. Aber so wie der Regen am Fenster herunter floss, so waren auch ihre Erinnerungen verflossen. Und sie wusste nicht, wie sie versuchen sollte sich zu erinnern. Doch eines war ihr noch bewusst. Sie war nicht alleine gewesen.

 Ihr Blick wendete sich vom Fenster ab und wanderte durchs Zimmer. Es war ein typisches Hotelzimmer. Auf dem breiten Bett lag ein Briefblock, auf dem sie versucht hatte ihre Gedanken aufzuschreiben und zu ordnen. Ab es war ihr nicht gelungen. Auf dem Abstelltischchen neben ihr stand eine Flasche Wasser. Sie streckte die Hand aus, nahm die Flasche, öffnete sie und trank gierig einen Schluck. Aber auch das half nichts. Ihre Erinnerungen waren an das Treffen waren verschwunden. „Warte auf mich“. Der Zettel lag in ihrer offenen Hand. Und sie wartete, darauf, dass der geheimnisvolle aber doch vertraute Mann kommen würde. Vielleicht hatte er einige Antworten auf ihre Fragen. Vielleichte war er eine Erinnerung, auf die alle anderen aufbauten. Vielleicht konnte sie sich dann wieder an die besonderen Momente ihres Lebens erinnern. Denn vielleicht war er eine Antwort auf all die Narben, die das Leben ihr hinterlassen hatte. Sie hoffte es, denn sie wollte sich endlich wieder erinnern können. 
Es regnete immer noch und langsam begann ihr Kopf zu schmerzen. Sie dachte zu viel nach. Sie versuchte sich krampfhaft zu erinnern. Also griff sie in ihre Handtasche, die an dem Tischbein lehnte. Sie nahm eine Kopfwehtablette und spülte sie zusammen mit einem Schluck Wasser runter. Es tat ihr gut das kalte Wasser zu spüren. Sie genoss es einfach dazu sitzen und dem Regen zu zusehen. Also beschloss sie einfach zu warten.
Dann klopfte es an der Tür. Drei dumpfe Schläge hallten durch das Zimmer. „Warte auf mich.“  Dann schwang die Tür auf und ein groß gewachsener Mann trat ein. Ein Mann, mit dem sie vieles Verband. Ein Lächeln, das ihr vertraut war. Und Augen, die sie besser gesehen hatten als sie sich selbst. Vor ihr standen ihre Erinnerungen. Sie brauchte sich nur zu erinnern…



 Eine Kurzgeschichte zu dem Bild "Hotel Window" von Edward Hopper.Für den Unterricht.

Mittwoch, 21. November 2012

Vergessene Worte, rettende Worte

An: mich um nicht zu vergessen, und an euch, wenn ihr rettung braucht.


Der Mond schimmert durch mein Fenster. Der Sekundenzeiger meiner Uhr tickt unaufhörlich weiter. Und ich sitze hier. Das Gesicht in den Händen vergraben. Aufkommende Zweifel kämpfen meine Hoffnung nieder. Keine Ahnung, warum ich hier bin, und was ich hier tue. Ich sitze einfach nur da. Hebe den Kopf und schaue dem Mondschimmer zu, der wie ein Schleier durch das Zimmer wandert. Die Poster an den Wänden leuchten kurz auf und werden wieder von den Schatten verschlungen. Das Licht wandert über den Schreibtisch und legt sich über den Berg aus Zetteln und Texten darauf. Die Stifte liegen noch ungeordnet daneben. Über den Boden streifend, trifft das Licht auf den Spiegel. Es wird zurückgeworfen, beleuchtet die dunkle Silhouette dieser Person auf dem Bett. Ein Blick in den Spiegel, in die Augen die dir zurück blicken. Sie sagen dir, dass du etwas tun musst. Ich stehe langsam vom Bett auf und trete mit unsicherem Schritt auf mein Spiegelbild zu. Ich versuche ihm aus den Augen abzulesen, wie es der Person geht, die mir entgegenblickt. Doch alles, was ich sehe sind die starren Gesichtszüge und die müden Augen, die mir auf einmal so fremd vorkommen. Was sich dahinter abspielt bleibt verborgen. Was, wenn ich vergessen habe wer ich bin? Ich muss lächeln. In einem Moment in dem ein Lächeln vielleicht das letzte ist, was einem einfällt.  Ich erinnere mich daran, wie ich gedacht habe, dass ich der einzige bin der mich wirklich kennt. Aber jetzt bin ich mir auch nicht mehr sicher. Klarheit in meinem Kopf, das könnte ich jetzt gut gebrauchen. Antworten auf all meine Fragen. Mit einem Blick auf den Schreibtisch vergewissere ich mich, dass alles ok ist. Meine Gedanken sind noch da. Sauber aufgeschrieben und zusammen gefaltet liegen sie da. Alle, bis auf einen. Zerknittert und mit einem Riss liegt er in der staubigen Ecke. Vergessen.  Der offene Füller darauf.


Was, wenn?
Diese zwei Worte stehen darauf. Fast unleserlich. Und ich kann mich nicht erinnern, wann ich das aufgeschrieben hatte. Auch nicht einmal warum. Obwohl ich mir gesagt habe, dass ich nie vergessen will, was ich aufschreibe.
Dann schiebt sich eine Wolke vor den Mond. Und wie die Dunkelheit sich ausbreitet, wandert auch ein Schatten durch meinen Kopf. Die Silhouette eines Gedanken. Und krampfhaft suche ich nach einem Licht, das mir zeigt an was ich denke.
Die Uhr tickt unaufhörlich weiter.
Was, wenn?
Noch einmal lese ich die beiden Wörter. Was, wenn ich mir nicht mehr einfällt was ich damit sagen wollte? Was, wenn ich vergesse mich zu erinnern. Und was, wenn die Welt sich irgendwann nicht mehr erinnern kann? Wir tun so viel. Wir erleben so viele Dinge. Was, wenn wir uns irgendwann nicht mehr erinnern können, warum wir so viel erlebt haben? Das, ist das schlimmste, das ich mir vorstellen kann. Irgendwann nicht mehr zu wissen, warum ich so viel gemacht habe, oder warum ich geweint habe. Wenn ich mich nicht mehr erinnern kann, wie sich Freundschaft anfühlt. Oder das Gefühl von Vertrauen und Geborgenheit. Ich will einfach nicht vergessen, wie es sich anfühlt, am Leben zu sein.
Deshalb schreibe ich. Ich schreibe alles auf, was ich fühle. Alles, was ich mich Frage, und alles, worauf ich schon eine Antwort gefunden habe. Ich erfinde Geschichten aus Situationen, die ich erlebt habe. Und ich erzähle. Ich erzähle den Leuten wovor ich Angst habe. Oder was ich mir Wünsche. Und oft stoße ich dabei auf Menschen, denen es so geht wie mir. Die Gespräche, die dann entstehen, helfen mir oft mich zu erinnern. Und auch das schreibe ich auf. Denn so kann ich immer sehen, dass ich nicht umsonst da bin. Ich kann mir immer wieder klar machen, dass man mir zuhört. Und dass man meine Texte liest. Es gibt nur wenige dinge die mich überglücklich machen. Eines ist das Erzählen. Und das Schreiben. Ich liebe es Leute mit Worten auf eine Reise einzuladen und ihre Gedanken zu entführen.  Und es hilft mir, nicht zu vergessen. So wie es anderen hilft, Antworten zu finden. Deshalb freue ich mich immer, wenn ich höre, dass meine Worte helfen. Und dann habe ich geschafft, was ich schaffen will.
Was, wenn deine Worte nicht umsonst sind? Was, wenn da draußen jemand ist, der sie braucht. Das sind meine Gedanken. Und wenn da draußen wirklich jemand meine Worte liest, sie in sich aufnimmt, wie ich es bei schreiben tue, und sie schließlich helfen. Dann bin ich glücklich. Denn dafür schreibe ich. Um Menschen eine Umarmung zu schenken, wenn sie eine brauchen. Und um ihnen ein Licht zu schenken, wenn sie in der Dunkelheit sitzen.

Das Mondlicht scheint durch die Wolken. Ich setzte mich, nehme ein Blatt Papier und einen Stift. Ich schreibe diese Worte auf.  Um sie nicht zu vergessen. Es hilft auch mir, wenn ich schreibe und wenn ich hören darf, dass ich helfen kann. Denn: Was, wenn ich diese Worte irgendwann einmal jemandem erzähle und sie helfen. Was, wenn irgendjemand das hier liest und sich dadurch besser fühlt, weil er merkt, dass er nicht alleine ist? Jeder soll sich einmal Gedanken machen, was passiert wenn man schreibt und erzählt. Man sollte sich überlegen was Worte bewegen können. Denn auf Worte können Taten folgen. Man kann andere und sich selbst kennenlernen. Und Klarheit in der eigenen Gefühlswelt schaffen. Deshalb schreibe ich diese Briefe. An euch, um euch zu helfen. Und an mich, um mich zu erinnern. Daran, warum ich diese Worte aufgeschrieben habe. Ich erinnere mich an die Erlebnisse die diese Worte geformt haben und ich mache mir bewusst, dass die Worte nicht verschwendet sind. Deshalb sitze ich hier und schreibe Wort für Wort. Lese alles noch einmal, lasse es durch meinen Körper fliesen. Ich setze meinen Namen darunter und einen Gruß. Dann lege ich den Stift weg, schaue noch einmal auf den Mond und danke dafür, dass ich sein Licht spüren darf. Dann lege ich mich ins Bett, schließe die Augen und schlafe ein. Ohne den Brief zusammen zu falten und wegzuräumen. Denn: Was, wenn ihn jemand lesen möchte? Ich lasse den Brief offen. Denn: Was, wenn der Brief mit seinen Worten, jemanden rettet?..